Erich Scheurmann

Der Papalagi

Rezensent: Werner Winkler

 

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Copyright für alle Seiten: Werner Winkler, 2005-2009

Autor: Tuiavii/Erich Scheurmann

Titel: Der Papalagi - Die Reden des Südsee-Häuptlings Tuiavii aus Tiavea

Erscheinungsjahr: 1920

Vermuteter Persönlichkeitstyp des Autors: Beziehungstyp

Rezensent: Werner Winkler

Besonderheit: Das Buch erlebte bei seiner Neuauflage 1977 einen wahren Senkrechtstart und wurde bis 1981 über 300.000 mal verkauft. Inzwischen wurde es in viele Sprachen übersetzt und hat die Eine-Million-Grenze an Auflage überschritten - sicher zur Freude der Nachkommen des Autors (s.u.).

Inhalt-Kurzbeschreibung: Über die Urheberschaft dieses Textes besteht keine eindeutige Klarheit - zwar behauptet Erich Scheurmann, ein Südsee-Häuptling habe ihn ihm als "Entwurf für eine Rede an seine Stammesgenossen" anvertraut, doch ist es ebenso denkbar, dass es hier um einen Text handelt, der aus der Feder dichterischer Freiheit entstammt. Wie dem auch sei, wir lauschen den Reden mit einer Mischung aus Faszination und Zweifel am Realitätssinn des Verfassers - was als Warnung an die 'natürlich' lebenden Südsee-Bewohner getarnt ist, scheint doch in weiten Strecken eine frühe Zivilisationskritik zu sein, die gezielt in Richtung der europäischen Leserschaft deutet.

Und obwohl schon 1920 verfasst, klingt er in weiten Passagen auch heute noch aktuell - z.B. wenn es um den Lärm in den europäischen Städten geht, über die Beherrschung des Menschen durch die Zeit und den Zwang, sich durch Geld am Waren- und Dienstleistungstausch zu beteiligen.

Wenn der Blickwinkel auch sehr weit nach außen verlagert ist und manchmal ganz ins Abseits zu geraten droht, bleibt doch das Gefühl zurück, der Autor - wer auch immer er gewesen sein mag - sei ein mutiger und mit der Kraft der sprachmächtigen Kritik begabter Mensch gewesen.

Leseprobe: "Der Papalagi (Eingeborenenwort für den Europäer) ist immer unzufrieden mit seiner Zeit, und er klagt den großen Geist dafür an, daß er nicht mehr gegeben hat. Ja, er lästert Gott und seine große Weisheit, indem er jeden neuen Tag nach einem ganz gewissen Plane teilt und zerteilt. Er zerschneidet ihn geradeso, als führe man kreuzweise mit einem Buschmesser durch eine weiche Kokosnuß. Alle Teile haben ihren Namen: Sekunde, Minute, Stunde. (...) Das ist eine verschlungene Sache, die ich nie ganz verstanden habe, weil es mich übel anmacht, länger als nötig über solcherlei kindische Sachen nachzusinnen. Doch der Papalagi macht ein großes Wissen daraus. Die Männer, die Frauen und selbst Kinder, die kaum auf den Beinen stehen können, tragen im Lendentuch, an dicke metallene Ketten gebunden und über den Nacken hangend oder mit Lederstreifen ums Handgelenk geschnürt, eine kleine, platte, runde Maschine, von der sie die Zeit ablesen können. Dieses Ablesen ist nicht leicht. Man übt es mit den Kindern, indem man ihnen die Maschine ans Ohr hält, um ihnen Lust zu machen."

Psychographischer Kommentar: Obwohl es sich zunächst um einen belehrenden und lyrischen Text zugleich handelt, entpuppt er sich bei näherem Hinsehen doch als die Offenlegung eines extrem beziehungstypisch ausgerichteten Menschen.

Zunächst willl oder kann der "Südsee-Häuptling" nicht verstehen, welche sachlichen Zwänge (z.B. die Witterung oder die dichte Besiedelung) den Europäer zu seiner Lebensweise veranlassen. Er maßt sich eine Einmischung in Dinge an, die er nicht tatsächlich erlebt hat, sondern nur auf der Reise beobachtet. Dabei bleibt er ganz seinem eigenen Kulturkreis verfangen und interpretiert, was er sieht, von diesem Standpunkt aus.

Psychographisch interessant ist dieser Text auch deswegen, weil sich hier die Schwächen des Beobachters in seinem Versuch, die Schwächen der Beobachteten zu skizzieren, überdeutlich zeigen: Das Habenwollen, die Schwierigkeiten im Umgang m it Geld und Zeit, die Schwäche der geistigen Kraft gegenüber den gesellschaftlich-beziehungsorientierten Seiten.

Typisch auch das Unrealistische, das Träumerische, Romantische und der Wunsch, eine perfekte Welt haben zu wollen, genauso wie das Ausblenden des (sicher vorhandenen) Kritischen der eigenen Südsee-Gesellschaft.

Dieses Buch müsste so vor allem für Handlungstypen reizvoll zu lesen sein, weil es ihnen einen alternativen Blickwinkel auf Arbeit und Leben genauso ermöglicht wie das Träumen von der Rückkehr in die verlorene Welt der Kindheit, in der es weder Geld oder Uhren, Autos oder der Sorge um das eigene Haus bedurfte.

Buchdaten: Der Papalagi, Tanner + Staehelin Verlag, Zürich, ISBN 3-85931-015-X

Mehr zur Entstehungsgeschichte des Buches findet sich unter: http://www.luk-korbmacher.de/Schule/VWL/erich.htm

Interessant ist auch, was (vermutlich) der Sohn des Autors neulich in einem Leserbrief schrieb:

"am 03.01.2005

Thema: Sabine teHeesen: Freude am fremden Volk

sehr geehrte frau teheesen,eines stimmt nicht,nämlich,daß der begriff "papalangi" frei erfunden ist. Ich war letztes jahr in samoa und zu meinem erstaunen rufen die kinder auf der strasse hinter mir her: Palagi! Palagi! ( der weiße ist gemeint.Die form papalangi gibt es auch).

Zum inhalt ihrer kritik möchte ich nichts sagen. mein vorschlag wäre, machen sie doch mal einen urlaub auf west-samoa,lernen sie die menschen dort kennen und schreiben sie dann ein neue, vielleicht gerechtere kritik.

herzliche grüße erich scheurmann jun."