Lao tse

Tao-tê-king

Rezensent: Werner Winkler

 

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Copyright für alle Seiten: Werner Winkler, 2005-2009

Autor: Lao tse, chinesischer Philosoph (ihm zugeschrieben, der Name bedeutet "Alter Meister")

Titel: Tao-tê-king (Dau Dö Djing)

Erscheinungsjahr: zwischen 600 und 300 v.Chr. (nach der Überlieferung)

Vermuteter Persönlichkeitstyp des Autors: Sachtyp

Rezensent: Werner Winkler

Inhalt-Kurzbeschreibung: Da genaue Daten weder über den Autor noch über die Entstehungsgeschichte des Werkes gesichert sind, haben sich Legenden beidem bemächtigt. So soll Lao tse entweder Bibliothekar, Berater oder General eines chinesischen Kaiser gewesen sein - im Alter habe er sich ins Ausland begeben wollen, um sich zur Ruhe zu setzen. Er wurde jedoch an der Grenze von einem Beamten erkannt und darum gebeten, vor seiner Ausreise eine kurze Zusammenfassung seiner Erkenntnisse aufzuschreiben. Das tat er dann in einer einzigen Nacht, und zwar in den 81 Versen des Tao-tê-king, das seither zur "Bibel des Taoismus" und zu einem der meist übersetzten Bücher der Welt geworden ist.

Die erste Übersetzung in eine westliche Sprache, ins Französische, geschah dabei erst 1842, die ins Deutsche sogar erst 1870 - was vielleicht die immer noch nicht übermäßig Verbreitete Kenntnis desselben erklären mag. Zwar kennen nicht sehr viele Zeitgenossen alle Verse, jedoch haben in den letzten Jahren zahlreiche Bruchstücke ihren Weg auf Spruchkarten oder sogar in die Werbung gefunden, so das berühmte "eine tausend Meilen weite Reise beginnt mit dem ersten Schritt" eines Reiseveranstalters.

Dies alles sollte den am ursprünglichen chinesischen Taoismus interessierten nicht davon abhalten, sich diesem schmalen Bändchen zu widmen. Es ist in vielerlei Ausgaben erhältlich, z.T. in sehr unterschiedlichen Übersetzungen (was mit der wohl schwer zu übertragenden Bildsprache der Sprüche zu tun haben mag). An einem Beispiel (aus dem 64. Spruch) werden daher in der Textprobe auch drei Übersetzungen gegenübergestellt:

Leseprobe:

Diogenes-Ausgabe, Übersetzung von Hans Knospe und Odette Brändli, 1985

Otto-Wilhelm-Barth/Scherz-Ausgabe, Übersetzung von Walter Jerven, 1976

Ullstein-Ausgabe, Übersetzung von Jan Ulenbrook, 1980

 

"Bevor ein Baum so groß ist, daß kein Mensch ihn umfassen kann, wächst er aus einem kleinen Samen empor; ein Haus mit vielen Stockwerken fängt mit dem ersten Spatenstich an; selbst die längste Reise beginnt mit dem ersten Schritt."

"Ein Baum entsproßt haarfeiner Wurzel. Ein Turm hat eine Erdscholle zum Grund. Die längste Wanderung beginnt mit dem ersten Schritt."

"Ein nur vereint zu umfangender Baum erwächst aus haarfeinem Spräßling, ein neunstöckiger Turm erhebt sich aus einem Häufchen Erde, eine tausend Meilen weite Reise beginnt dort, wo man steht."

Psychographischer Kommentar: Allein schon die Kürze des Textes und seine geheimnissvolle Herkunft lassen uns an den Sachtyp denken. Je tiefer man jedoch in den Text eindringt, desto mehr verdichtet sich dieser Typverdacht - ja zeitweise klingen die Verse wie eine Beschreibung des typischen Sachtyp-Menschen, so z.B. wenn Lao tse schreibt (im 64. Spruch*): "Weil der Weise beim Nicht-Tun bleibt, verdirbt er nie etwas." oder (im 2. Spruch*): "Deshalb verweilt der Weise bei allem, was er tut, im Nicht-Tun und lehrt nicht durch Worte."

An einem weiteren Text (aus dem 15. Spruch) zeigt sich für den psychographisch Kundigen ziemlich deutlich, welcher Typ hier schreibt: "Die wegkundigen Meister der Antike waren feinfühlig, geheimnisvoll, verstehend und zu tiefgründig, um verstanden zu werden. Weil sie nicht verstanden wurden, kann nur ihr Verhalten beschrieben werden: zögernd und vorsichtig wie Leute, die im Winter über das gefrorene Wasser gehen ... nachgiebig wie schmezendes Eis; schlicht und einfach wie ein unbehauerner Holzklotz ..."

Allein schon das Wort "Tao", das mit "der Weg" übersetzt werden kann und die zahlreichen Anspielungen auf den Weg (der sich selbst geht) kommen uns als sachtypisch-bekannt vor. Wer sich also die Mühe macht, sich die 81 Sprüche des Alten Weisen genauer anzusehen, begegnet nicht nur einem prägenden Einfluss auf die chinesische Mentalität und Kultur und einem sprachgewandten Philosophen, sondern auch den nahezu ungetrübten Bild des Sachtyps wie er in der psychographischen Fachliteratur zu finden ist.

* zitiert jeweils nach der Diogenes-Ausgabe

Buchdaten: Laotse/Lao tse/Lao Tse: Tao te king - in verschiedenen Übersetzungen und Ausgaben erhältlich, z.B. bei Amazon oder im örtlichen Buchhandel.