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Psychographium - Gedichte

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Redaktion: Werner Winkler  

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Copyright für alle Seiten bei den jeweiligen Verlagen bzw. (für die Begleittexte): Werner Winkler, 2005-2009

Zu jedem Grundtyp und Untertyp werden Gedichte bzw. Ausschnitte aus Gedichten aufgeführt, die für diesen typisch scheinen.

- Kommentare und Vorschläge (bei Kenntnis des Typs auch eigene Gedichte!) erwünscht -

 

 

Beziehungstyp

Wonne der Wehmut

Trocknet nicht, trocknet nicht,
Tränen der ewigen Liebe!
Ach, nur dem halbgetrockneten Auge
Wie öde, wie tot die Welt ihm erscheint!
Trocknet nicht, trocknet nicht,
Tränen der ewigen Liebe!

(Johann Wolfgang von Goethe)

 

Mir träumte wieder der alte Traum:
Es war eine Nacht im Maie
Wir saßen unter dem Lindenbaum,
Und schwuren uns ewige Treue.

Das war ein Schwören und Schwören aufs neu,
Ein Kichern, ein Kosen, ein Küssen;
Daß ich gedenk des Schwures sei,
Hast du in die Hand mich gebissen.

O Liebchen mit den Äuglein klar!
O Liebchen schön und bissig!
Das Schwören in der Ordnungwar,
Das Beißen war überflüssig.

(Heinrich Heine aus: Lyrisches Intermezzo)

 

Wie Winter kam mir unsre Trennung vor!
Wie trist war ohne dich die Jahreszeit!
Wie trüb die Tage waren, wie ich frof,
Und saftloser Dezember weit und breit!
Dabei war Sommer, als wir uns nicht hatten,
Und üppiger Herbst, der, rund und prall genug,
Gleich einer Witwe nach dem Tod des Gatten,
Die pralle Frucht, die Frühling zeigte, trug.
Doch schien der überreiche Segen mir
Wie vaterloser hoffnung Waisentum,
Denn Sommers Freuden liegen nur bei dir,
und bist du fort, sind auch die Vögel stumm.
  Wenn nicht, erbleicht das Laub bei jedem Ton,
  Als hörte es daraus den Winter schon.

(aus: William Shakespeare, Die Sonette, XCVII, Straelener Manuskripte)

 

Sachtyp

Vom Lauf der Zeit

Ich schau zurück, auf Jahre, fern,
und so viel Perspektive wird mir tief,
daß kaum lebendig bleibt in meinen Spiegeln
das matte Bild der Grenzen.

Noch immer fliegen dennoch Mauerschwalben
um alte Türme, und dort oben
bleibt meine Kindheit träumerisch lebendig.
Die alten Trauben sind schon guter Wein.

Ich sage nichts voraus von Glück und Unglück.
Für heut verlaß ich mich auf meine Gegenwart,
und geb nicht auf - trotz allem, was ich weiß.

Die Zukunft wird indes vor meine Augen
auf zarte Weise immer dünner,
wird schwieriger, gebrechlich, selten.

(aus: "Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts", Reclam, von Jorge Guillén, dt. von Hildegard Baumgart)

 

Wo aber bleibt sie, die Zeit?
Vor der sie sich winden, geteilt
Durch verschieden Erlebtes, Entzweit
Mit sich und als Krüppel verheilt,

(...)
Wohin aber sichert denn Zeit,
Nachdem sie den Körper durchlief?
Kein Tropfen im Grundwasser schreit.
Nicht Schweiß hat das Felsloch vertieft.
(...)

(aus Durs Grünbein, Traktat vom Zeitverbleib in: Erklärte Nacht, Suhrkamp)

 

Und fürwahr, es ist noch Zeit
für den gelben Rauch, der die Straße entlangschleicht
und seinen Rücken an den Fensterscheiben reibt;
es ist noch Zeit, es ist noch Zeit,
eine Miene aufzusetzen, den dir begegnenden Gesichtern zu begegnen°
es ist noch Zeit zu morden und zu zeugen
und Zeit für all die Werke und Tage von Händen,
für eine Frage aufnehmen und auf deinen Teller fallen lassen;
Zeit für dich und Zeit für mich,
und Zeit noch für ein Hundert Unentschiedenheiten,
und für ein Hundert Visionen und Revisionen
vor Toast und Tee.

(aus T.S.Eliot: The Love Song of J. Alfred Prufrock in: Amerikanische Lyrik vom 17. Jahrhundert bis zur Gegenwart, Reclam)

 

Manchmal
manchmal,
manchmal nah und manchmal fern,
so vertraut und doch fremd,
lieben und hassen dicht beieinander
wie Lachen und Weinen

manchmal

(Kathleen Engel)

 

Immer dann
Immer dann,
wenn wir nachdenken über den Anderen,
wenn wir ergründen, was ihn zur Tat oder dem Wort bewegt hat
immer dann,
wenn wir verständnislos das Haupt schütteln
immer dann,
stoßen wir an die Grenzen unserer Selbsterkenntnis.
Denn nicht hindert uns mehr, den anderen zu
Als die Unkenntnis über uns selbst.

(Kathleen Engel)

 

Handlungstyp

Erscheint dir etwas unerhört,
bist du tiefsten Herzens empört,
bäume dich nicht auf,
versuch`s nicht mit Streit,
berühr` es nicht, überlass es der Zeit.

Am ersten Tage wirst du feige dich schelten,
am zweiten lässt du dein Schweigen schon gelten,
am dritten hast du`s überwunden,
alles ist wichtig nur auf Stunden,
Ärger ist Zehrer und Lebensvergifter,
Zeit ist Balsam und Friedenstifter.

(Theodor Fontane)

 

Glück kleinster Wesen,
nur dem Frohsinn geöffnet.
Aber der Schmerz ist nicht nur Quell,
er ist das Fleisch der Freude.
Freude heißt, in jeder Gegenwart
die Seele unser und lebendig wissen;
und nie spüren wir die Seele so,
wie wenn sie Wunden trägt.

(aus "Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts", Reclam, von José Hierro, dt. von Gustav Siebenmann)

 

Mit der Zeit lernst Du,
dass eine Hand halten nicht dasselbe ist,
wie eine Seele fesseln
Und dass Liebe nicht Anlehnen bedeutet und Begleitung nicht Sicherheit.

Du lernst allmählich,
dass Küsse keine Verträge sind
und Geschenke keine Versprechen.

Und Du beginnst,
Deine Niederlagen erhobenen Hauptes
Und offenen Auges hinzunehmen
Mit der Würde des Erwachsenen,
nicht maulend wie ein Kind.

Und Du lernst,
Alle Deine Strassen auf dem Heute zu bauen,
weil das Morgen
ein zu unsicherer Boden ist.

Mit der Zeit erkennst Du,
dass sogar Sonnenschein brennt,
wenn Du zuviel davon abbekommst.

Also bestell Deinen Garten
Und schmücke selbst
Dir die Seele mit Blumen,
statt darauf zu warten,
dass andere Dir Kränze flechten.

Und bedenke, dass Du wirklich standhalten kannst...
Und wirklich stark bist.
Und dass Du Deinen eigenen Wert hast.

(Kelly Priest)

 

Der Husten wählt sich mit Bedacht
Zum Wirkungskreis die stille Nacht,
Damit er nicht alleine stört
Dich, dem der Husten selbst gehört; -
Mit atem-schöpferischer Pause
Weckt alle Leute er im Hause,
Die wach nun auf der Lauer liegen:
Wann wirst Du Deinen Anfall kriegen!?

(aus Eugen Roth, Der Husten in: So ist das Leben, dtv)

 

Mein Geburtstag - gestern,
Mit vierundzwanzig Stunden;
Vier Stunden lebt' ich lau,
Schlug zwanzig tot.

Acht Schläge, dann erwacht‘ ich,
Kam hier zum Feuer runter,
Vier Stunden saß ich, schaute
In trübe Glut.

(aus: William Henry Davies, Die Feuerstelle im Männerheim in: Supertramp, Manesse)

 

So sollen wir, an neue Ufer stets gespült,
und ohne Wiederkehr in grenzenlose Nacht getrieben,
im Ozean der Zeiten niemals auch nur einen Tag
  vor Anker gehen dürfen?

...

(aus: Der See, Alphonse de Lamartine in: Poèmes français, dtv)

 

 

Du-Bezogene

Es wird Nacht und mein Herz kommt zu dir,
hält`s nicht aus, hält`s nicht aus mehr bei mir.
Legt sich dir auf die Brust, wie ein Stein, sinkt hinein.
Dort erst, dort erst kommt es zur Ruh`
liegt am Grund seines ewigen Du.

(Christian Morgenstern)

 

„Du willst mich zufrieden stellen…und
Ich will Dich zufrieden stellen…
Also entscheide du,
wohin wir heute gehen.

Wenn ich entscheide…
Und du nicht zufrieden bist,
wirst du mir böse sein
und ich werde den ganzen Abend leiden,

weil ich dich nicht zufriedengestellt habe.
Aber wenn du versuchst, mich zufriedenzustellen…
Und du die Entscheidung triffst,
und ich nicht zufrieden bin,
wenn wir dort sind…
wirst wenigstens du zufrieden sein.

Wenn ich unglücklich darüber bin, wo wir sind
Oder was wir tun,
macht das nichts aus…

denn was mich unglücklich gemacht haben wird,
nicht meine Entscheidung gewesen sein,
es wird deine gewesen sein.
Darum wird es deine Schuld gewesen sein!

Das wird mich zufrieden stellen."

(Portia Nelson, zitiert von Virginia Satir)

 

die menschen nehmen einander wegen der stille
man hört sie nur zu zweit   anders nicht
und anders erdrückt sie    anders bricht
der mensch zusammen unter der stille

(Jan Skácel, wundklee, fischer TB, dt. von Reiner Kunze)

 

Du mache Feuer, und ich
will dir was Schönes zeigen:
einen Ball aus Schnee.

(Haiku von Basho, aus: Haiku bei dtv klassik)

 

Was wär ich ohne dich gewesen?
Was würd ich ohne dich nicht sein?
Zu Furcht und Ängsten auserlesen,
Ständ ich in weiter Welt allein.

(aus: Novalis, Geistliche Lieder)

 

Ich-Bezogene

Keine Gedichte
im Augenblick
ich will leben

Morgen
vielleicht
glückt das Wort
weißes Blatt
Wald voller Vögel

Ich
spitze die Ohren
sehe mit den
Eulenaugen der Nacht

keine Gedicht
Morgen
vielleicht

(aus: Rose Ausländer, Regenwörter, reclam)

 

In vielen Büchern
habe ich
mich gelesen
und nichts als mich

Was nicht ich war
das konnte ich
gar nicht entziffern

Da hätte ich
eigentlich
die Bücher
nicht lesen müssen

(Erich Fried, Die Einschränkung in: Es ist was es ist, Wagenbach)

 

Adam allein

Ich bin
Ich bin was ich bin
Ich bin nur was ich bin
Ich bin nur bin

Ich bin was ich bin
Ich war was ich bin
Ich werde sein was ich bin
Ich werde nur sein was ich bin

(aus Erich Fried: Adam und Eva in: Von Bis nach Seit, Gedichte, Fischer)

 

Wir-Bezogene

Die Welt im Schnee. Laß uns
die schönste Aussicht suchen gehn,
bis wir taumeln, fallen.

(Haiku von Basho, aus: Haiku bei dtv klassik)

 

"Wie hast du
allein
sechzig gefangengenommen?"

Da lachte er:
"Ganz einfach
ich hab sie umzingelt"

So will auch ich
die sechzig
Lügen umzingeln

und die sechshundertsechsundsechzig
Gemeinzeiten
die uns beherrschen

Wie
das weiß ich noch nicht
aber es wird am Ende

ganz einfach sein
weil es sonst gar nicht geht
und ich werde dann lachen.

(Erich Fried: Nach einer alten Anekdote)

 

Ich will an nichts mehr denken
nur an dich und an dich
und an dich
aber ich kann nicht:
Die ganze Welt fällt mir ein

(Erich Fried, aus: Mutter in Vietnam in 'Befreiung von der Flucht', fischer TB)

 

Vergangenheitsorientierte

alles schmerzt sich einmal durch bis auf den eignen grund
und die angst vergeht
schön die scheune die nach längst vergangnen ernten
leer am wegrand steht

(Jan Skácel, wundklee, fischer TB, dt. von Reiner Kunze)

 

kindheit ist das was irgendwann
gewesen ist und aus dem traum nun hängt
ein faden fesselrest den man
zersprengen kann und nie zersprengt

(Jan Skácel, wundklee, fischer TB, dt. von Reiner Kunze)

 

Wenn Entfernung und Zeit
die Erinnerung trügen,
bitter - wer weiß es nicht? -
ist es heimzukehren. Weil

etwas dazwischen gestellt ist
zwischen das erste Bild und die Augen
das hart wandelt
Liebe in Fremdheit.

(...)

Doch heimkehren muss die Seele,
wie der Vogel im Herbst,
und den Schmerz von damals
aufsuchen und die vergangene Freude:

die wolke an einem goldnen
Morgen, einen purpurnen
Zweig vor der Mauer, Schatten
blau unter dem Mond.

(Luis Cernuda, Heimkehr, in: Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts, reclam)

 

Zukunftsorientierte

Wenn dereinst ich sterbe,
begrabt mich mit meiner Gitarre
unter dem Sande.

Wenn dereinst ich sterbe
zwischen den Orangen
und den guten Minzen

Wenn dereinst ich sterbe,
dann begrabt mich, wenn ihr wollt,
in einer Wetterfahne.

Wenn ereinst ich sterbe!

(Federico García Lorca, Memento, in: Gedichte, Bibliothek Suhrkamp)

 

Wenn du nicht lebst,
wenn
du, Geliebte, meine Liebe,
wenn du
gestorben bist,
fallen alle Blätter in meiner Brust,
regnen wird's auf meine Seele Tag und Nacht,
(...)
aber ich werde weiterleben (...)

(Pablo Neruda, Die Tote in: Liebesgedichte, dtv)

 

Komm wieder auf die Wiese
auf die du noch niemals kamst
und leg dich ins Gras
in dem du schon immer liegst
laß den Uferstaub durch die Finger rinnen wie Mehl:
Wieder ist nie Immer zum ersten Mal

(aus: Bitte, Erich Fried in: Befreiung von der Flucht, Fischer)

 

Gegenwartsorientierte

 

Wanderer, deine Spuren
sind der Weg, sonst nichts;
Wanderer, es gibt keinen Weg,
Weg entsteht im Gehen.
Im Gehen entsteht der Weg,
und schaust du zurück,
siehst du den Pfad, den du
nie mehr betreten kannst.
Wanderer, es gibt keinen Weg,
nur eine Kielspur im Meer.

(Antonio Machado in: Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts, reclam)

 

In den kronen der bäume gibt der wind nicht ruh
und das laub spricht vor sich hin
als fließe über den köpfen der menschen ein bach

Abends wird dieses wasser still
und die zeit hält einen augenblick lang inne

...

(aus: Dort, Jan Skácel, wundklee, fischer)

 

Macher

Es sind die Wörter, die wir alle immer wieder brauchen
   und die wir
als eigene empfinden und die weit reichen. Sie meinen
   mehr als sie sagen.
Sie sind das Allernotwendigste: das was keinen Namen
   hat.
Schreie sind es zum Himmel, und auf der Erde Taten.

(Gabriel Celaya, Das Gedicht ist eine Waffe, mit Zukunft geladen, in Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts, reclam)

 

Wie ein heftiger Sturm
rüttelten wir den Baum
des Lebens, ihn erschütternd
bis hinab zu den letzten,
geheimsten Wurzelspitzen,
und jetzt erscheinst du singend
dort, auf dem höchsten Zweig,
den wir mit dir erreichen.

(aus: Der Sohn, Pablo Neruda, Liebesgedichte, dtv)

 

Fühler

Als meine Augen alles
gesehen hatten, kehrten sie zurück
zur weißen Chrysantheme.

(Haiku von Issho, aus: Haiku bei dtv klassik)

 

(...)
leben, leben, unsichtbar prasselt die Sonne,
Küsse oder Vögel, spät oder bald oder nie.
Zum Sterben genügt ein kleines Geräusch,
das eines anderen Herzens, wenn es verstummt,
(...)

(Vicente Aleixandre, Leben, in: Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts, reclam)

 

Denker

Jedes Mal
wenn ich jetzt an dich denke
entsteht in meinem Kopf
ein freier Raum
eine Art Vorraum zu dir
in dem sonst nichts ist

Ich stelle fest
am Ende jedes Tages
daß viel mehr freier Raum
in meinem Kopf
übrig gewesen sein muß
als ich sonst glaubte

(Erich Fried, Freiraum, in: Es ist was es ist, Wagenbach)

 

Dich denken
und an dich denken
und ganz an dich denken und
an das Dich-Trinken denken
und an das Dich-Lieben denken
und an das Hoffen denken
(...)

(Erich Fried, In Gedanken, in Es ist was es ist, Wagenbach)

 

Ich weiß nicht, wie es sagen,
denn noch immer hab ich es nicht:
mein schweigsames Wort.

(Juan Ramón Jiménez in: Spanische Lyrik des 20. Jahrhunderts, reclam) )

 

Dank an Kathleen Engel und Petra Vogel für ihre Beiträge sowie an Nadine Fornaçon für das Gedicht von Kelly Priest!

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