|
Aharon Appelfeld Geschichte eines Lebens Rezensent:
Werner Winkler
|
||
|
Zurück zur Übersicht Literatur.
Copyright für alle Seiten: Werner Winkler, 2005-2009 |
Autor: Aharon Appelfeld Titel: Geschichte eines Lebens (hebr. Original: sippur chajim) Erscheinungsjahr: 1999/2005 Vermuteter Persönlichkeitstyp des Autors: Sachtyp-Fühler Rezensent: Werner Winkler Inhalt-Kurzbeschreibung: Aharon Appelfeld, geboren 1932 in Osteuropa überlebt die Schrecken seiner Zeit in Ghetto, Konzentrationslagern, im Wald, bei nicht immer wohlmeinenden Gastgebern; und die Schrecken, denen sich das Kind gegenübersah, enden für den Heranwachsenden noch nicht, als der Krieg endet, noch müssen Auffanglager und Auswandererschiffe, noch die Zeit im Kibbuz und in der israelischen Armee überstanden werden, noch steht die Hürde des Erlernens der Landessprache und das Vergessen der ihn begleitenden Schatten an, bis er endlich seinen Frieden findet. Der Autor lebt heute in Jerusalem und lässt uns aus dieser Perspektive mit ihm einen Rückblick auf sein Leben werfen, weniger auf die dunklen, vor allem auf die grauen und die leuchtenden Seiten dieses Lebens, das ein ganzes Jahrhundert durchquerte. Leseprobe: "Wir
näherten uns dem Haus: Ich sah Mutter in weißen
Kleidern in der Türe stehen. Sie sah aus, als
würde sie gleich losfliegen, mir entgegen. Diesmal
täuschte ich mich nicht. Sie machte einen Satz und kam,
als sei sie nicht Mutter, sondern ein junges ruthenisches
Mädchen, auf mich zugerannt. Keine Sekunde verging, und
sie hielt mich in den Armen. Einen Moment lang waren wir
vereint, mitten im hohen Gras. Psychographischer Kommentar: Neben der Sprachmächtigkeit des Autors sprechen seine detailgenaue Beobachtungsgabe und seine Vorliebe für alles Geheimnisvolle, Unaussprechbare, für eine Einordnung bei den Sachtypen - seine sehr auf die Wahrnehmung ausgelegte Beschreibung wiederum auf den "Fühler". Ein Beispiel: "Die Wörter, mit denen ich das Gefühl beschreiben wolte, sind mir entfallen. Da ich keine Worte habe, setze ich mich hin, mache die Augen weit auf, und die weiße Nacht fließt in mich herein. Das Gebet am Vorabend des Schabbat ist nur eine Vorbereitung auf den nächsten Morgen. Am Schabbat dauert es viele Stunden. Großvater ist ganz in sein Gebetbuch versunken, und ich sitze neben ihm und sehe, wie Gott kommt und sich zwischen die Löwen über dem Toraschrein setzt. Ich staune, dass Großvater bei diesem gewaltigen Wunder ruhig bleibt." Noch ein Beispiel: "Noch vor einem halben Jahr hatte ich Eltern gehabt. Doch jetzt bestand meine ganze Existenz nur noch aus dem, was gerade vor meinen Augen vorbeizog. Ich stahl mir ein paar Minuten und setzte mich an den Bach. Mein voriges Leben erschien mir von hier aus so weit entfernt, als sei es nie gewesen. Nur nachts, wenn ich schlief, war ich bei Mutter und Vater, im Hof unseres Hauses oder auf der Straße. Das morgendliche Erwachen war ein Schlag ins Gesicht." Für die Du-Bezogenheit des Autors spricht zum einen, dass er sehr viele Einzelcharaktere genau beschreibt und sich selbst meist im Hintergrund hält. Auch in der Sprache selbst kommt dies zum Ausdruck, wenn er "ich" und "du" vertauscht: "Es war wirklich unvorstellbar. Immer wenn du von jener Zeit erzählst, überkommt dich das Gefühl, dass es unvorstellbar ist. Du erzählst und glaubst selbst nicht, dass dir das passiert ist." Zuletzt die Zeitebene: Hier vermute ich eine Bevorzugung der Vergangenheit, vor allem wegen seiner exakten Erinnerung, bei der er es sich leisten kann, ganze Teile absichtlich wegzulassen - soviel Stoff hat er gespeichert. Nicht umsonst lautet der erste Satz des Buches: "Seit wann sich meine Erinnerung erinnert?" Buchdaten: Appelfeld,
Aharon: Geschichte eines Lebens, rowohlt Berlin, ISBN
3-87134-508-3, erhältlich bei Amazon.
|
|