Anne Frank

Das Tagebuch der Anne Frank

Rezensent: Werner Winkler

 

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Copyright für alle Seiten: Werner Winkler, 2005-2009

Autorin: Anne Frank

Titel: Das Tagebuch der Anne Frank

Erscheinungsjahr: 1949/1955

Vermuteter Persönlichkeitstyp der Autorin: Beziehungstyp (Untertyp: wir-bezogen, Denker, Vergangenheit)

Rezensent: Werner Winkler

Inhalt-Kurzbeschreibung: Während die Truppen der deutschen Wehrmacht und die Banden der SS die Niederlande besetzen und auch dort ihren Hass gegen die Juden ausleben, versteckt sich die Familie Frank in einem unzugänglichen Hinterhaus. Schon 1933 als Anne vier Jahre alt war, waren die Franks aus Deutschland vor den Nationalsozialisten geflohen, nun blieb ihnen keine andere Möglichkeit, als unterzutauchen. Schon kurz vorher hatte die bei Beginn der Aufzeichnungen 13 Jahre alte Anne begonnen, sich ihrem Tagebuch anzuvertrauen. Sie fantasiert sich eine Freundin "Kitty", die sie im wahren Leben nie besaß und berichtet ihr regelmäßig, ausführlich und detailliert, was sie erlebt - sowohl im äußeren wie auch im inneren Erleben.

Obwohl sich Anne fragte, ob wohl irgendjemand ihre Briefe jemals lesen würde, hat sie doch nicht für die Nachwelt geschrieben. Und doch verhilft der Adressat Kitty zu einer literarisch recht anspruchsvollen und spannenden Form, die selbst in der alltäglichen Langeweile den Leser mit hineinzieht in dieses Amsterdamer Hinterhaus und in die großen Ängste und kleinen Freuden der Versteckten.

Dass nur der Vater die 1944 erfolgte Entdeckung und Verschleppung ins KZ Bergen-Belsen überlebt und Anne selbst im März 1945, zwei Monate vor der Befreiung starb - und dass wir von Anfang an davon wissen - dieser Hintergrund lässt uns das Leid von Millionen Opfern am Beispiel dieser einen jungen Frau lebendig werden. "Ein Mensch kann nie wissen, wozu er noch gut ist" hat Anne Frank geschrieben - es war eine Vorhersage ihrer eigenen Wirkungsgeschichte.

Fast wäre dieses Zeitdokument gar nicht zu uns Nachgeborenen gekommen, nur zufällig entdeckten es zwei Niederländer, die sich im von der Gestapo durchwühlten Versteck umsahen und es unter einem Stapel alter Zeitungen fanden. Und als eines Nachts Einbrecher im Haus unterwegs waren und die Polizei alles untersuchte, machten sich die Versteckten auf alles gefasst, wollten das Radio und auch das Tagebuch von Anne verschwinden lassen, doch sie sagte: "Mein Tagebuch nicht! Mein Tagebuch nur mit mir zusammen!" Dieses Schicksal ist dem Buch erspart geblieben - Anne leider nicht.

Leseprobe:
"Wenn ich des Abends im Bett liege und mein Gebet mit den Worten endige: 'Ich danke Dir für all das Gute und Liebe und Schöne', dann jubelt es in mir. Dann denke ich an das 'Gute': unser Verschwinden, meine Gesundheit, an das 'Liebe': Peter und das, was noch zart und empfindsam ist, so daß wir beide es noch nicht zu berühren wagen, an das, was einmal kommen soll: die Liebe, die Zukunft, das Glück. Das 'Schöne', das die Welt umfaßt: Natur, Kunst, Schönheit und alles Große, was damit verbunden ist.

Dann denke ich nicht an all das Elend, sondern an das Herrliche, was übrigbleibt. Hier liegt auch größtenteils der Unterschied zwischen Mutter und mir. Wenn man schwermütig ist, gibt sie den Rat: 'Denke an alles Elend in der Welt und sei dankbar, daß Du es nicht erlebst.' Ich sage: 'Gehe hinaus in die Felder, die Natur und die Sonne, gehe hinaus, suche das Glück in Dir selbst und in Gott. Denke an das Schöne, das sich in Dir und um Dich immer wieder vollzieht, und sei glücklich!' (...) Und wer selbst glücklich ist, wird auch andere glücklich machen."

Psychographischer Kommentar: Dank der sehr persönlichen, umfangreichen und unzensierten Niederschrift ihrer Gedanken kommen wir der psychographischen Struktur der Autorin wie von selbst Seite um Seite näher.

Dass hier ein Beziehungstyp schreibt, wird bald daran deutlich, dass sie sich viel über Beziehungen äußert, öfters mit Übertreibungen und Dramatik arbeitet und immer wieder emotional reagiert. Außerdem spricht ihre bis zuletzt meist positive Grundhaltung für diesen Typ, und doch weiß sie um ihre Schwachstellen, z.B. wenn sie schreibt: "Ich empfinde eine große Leere in mir. Früher habe ich nicht so darüber nachgedacht. Meine Vergnügungen und meine Freundschaften füllten mein Denken aus. Nun aber beschäftigen mich ernste Probleme."

Auch die Untertypen lassen sich erahnen: Der Wir-Typ, der sich wo immer es geht um alle Menschen oder die ganze Gruppe Gedanken macht. "Ich fühle das Leid von Millionen Menschen mit." schreibt sie einmal und ganz zu Anfang gesteht sie, dass ihr das "Du" fehlt, die Freundin, an derer Stelle ihr das Tagebuch Gesellschaft leisten soll. Dass es letztlich ein junger Mann aus einer mit untergetauchten Familie ist (vermutlich ein Sachtyp), der ihr dieses Du schenkt, erstaunt sie selbst - nicht aber den Psychographen, der von diesem Prozessweg vom Wir zum Du weiß. Schon früh im Tagebuch notiert sie: "Ich habe liebe, gute Eltern, ich hae eine Schwester von 16 Jahren und alle zusammengerechnet wohl 30 Bekannte oder was man so Freunde nennt. Ich habe ein Gefolge von Anbetern, die mir alles von den Augen ablesen und sogar in der Stunde so lange mit ihrem Taschenspiegel operieren, bis sie ein Lächeln von mir aufgefangen haben. Ich habe Verwandte, reizende Tanten und Onkels, ein schönes Zuhause, und eigentlich fehlt mir nichts, ausgenommen die Freundin!"

Ihr Erzähl- und Schreibstil greift meist auf die vergangenen Tage zurück, nur selten spricht sie von der Zukunft, was für einen Vergangenheitsorientierte spricht.

Für den Denker sprechen so viele Argumente, dass es schwer fällt, ein einzelnes Beispiel zu wählen. Im Beispieltext wird es schon klar, immer wieder berichtet sie, dass sie so gerne reden würde (und es auch tut, so oft es geht) und auch schreiben (was sie getan hat, wie wir am Ergebnis sehen). Doch bleibt es ein Denker-Tagebuch, die Nach-Außen-Kehrung des Innenlebens inklusive des Geständnisses: "Ich wollte nur schlafen und nicht denken" oder der Frage "Wie komme ich aus diesem Gedanken-Wirrwarr wieder einmal heraus? Wann wird wieder Ruhe und Frieden in mir sein?" - und schon kurz nach ihrem 13. Geburtstag lesen wir: "Als ich abends mit allen anderen Schularbeiten fertig war, fiel mir der Aufsatz wieder ein. Ich knabberte ein bißchen an meinem Füllfederhalter und dachte über das Thema nach. Irgend etwas schreiben und dann so weit wie möglich auseinander, kann jeder. (...) ich dachte und dachte. Plötzlich kam's, ich schrieb die aufgegebenen drei Seiten schnell hintereinander voll, und es war geglückt.".

Besonders spannend für Psychographen wird das Tagebuch der Anne Frank noch durch den Umstand, dass sie sich für die Unterschiede zwischen Menschen sehr interessierte: "Wir sprachen dann weiter über Vater, über Menschenkenntnis und alles mögliche." Die Unterschiede der Persönlichkeiten in der Familie registriert sie in der Eingeschlossenheit noch deutlicher als zuvor und macht sich darüber häufiger Gedanken: "Ich bin in allem genau das Gegenteil von Mutter, und so müssen wir aufeinanderprallen." oder "Ich habe eine ganz andere Natur als Mutter."

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